Kernenergie ist nicht tot zu kriegen, zumindest bei manchen Politikern, und bei dem, was dann in den Medien erscheint. Es werden wundersame neue Technologien versprochen, Investoren fluten neue Startups mit Geld — aber die Realität sieht ganz anders aus. Und ob man es nun mag oder nicht: nur die Realität zählt, sie zeigt klar, wohin es bei der Energieversorgung geht. Und sie ergibt physikalisch Sinn. Darüber sprechen Harald Lesch und ich im neuen Video am Küchentisch. Mehr Hintergrund auch hier im Blogpost.

Anlass für unser Gespräch ist ein neu erschienenes Paper zum nuklearen Energieparadox. Es dokumentiert sehr eindrücklich, wie krass der Gegensatz ist zwischen den Erwartungen mancher an die Kernenergie auf der einen Seite, und den Fakten – also der dokumentierte Beitrag von Kernenergie zur Stromerzeugung auf der anderen Seite. Konkret gezeigt werden die Prognosen der International Energy Agency, die diese Agentur über die vergangenen Jahrzehnte zu den erwarteten Änderungen in der Stromerzeugung gemacht hat, und diese wurden mit den beobachteten Daten konfrontiert. Es erscheint ein klares Bild: Die IEA hat jahrzehntelang systematisch die Kernenergie überschätzt, aber den Zuwachs von Photovoltaik und Wind systematisch unterschätzt. Ein Unternehmen, oder ein Arbeitnehmer, könnte sich solch schlechtes Prognoseverhalten nicht leisten und wäre schon längst gefeuert.


Warum aber lag die IEA mit ihren Prognosen nun so falsch? Da kann man nur vermuten. Ich denke, es liegt im weit verbreiteten Wunschdenken, dass etwas so Kompliziertes wie ein Kernkraftwerk, das muss doch etwas Besseres sein als etwas so Schlichtes wie ein Solarpanel. Aber – weit gefehlt! Denn: einfache Technologie ist günstiger, hat steilere Lernkurven – also mehr Produktion führt zu geringeren Stückkosten -, und das setzt sich durch, wenn der Markt funktioniert und es um Kosten geht. Dies haben wir ja schon in unser eigenen Studie zu internationalen Stromtrends gesehen: Weltweit setzt sich Photovoltaik und Wind rapide durch, während konventionelle Kraftwerke inklusive Kernenergie verdrängt werden. Verstehen kann man dies wunderbar mit einer anderen Studie von Tobias Schmidt von der ETH, die zeigt, dass es eben die einfachen und universellen Technologien sind, die positive Lernkurven haben. Aber vielleicht geht es beim ganzen Gerede auch einfach nur um Macht und Ablenkung von Tatsachen.

Auch sonst gibt es ja weit verbreitetes Wunschdenken bei der Kernenergie. Dabei ist ein Kernkraftwerk – und dies trifft auch auf hypothetische Fusionskraftwerke zu – nichts anderes als ein thermisches Kraftwerk. Und die werden im Zuge zunehmender Trockenheit mit dem Klimawandel ein Riesenproblem haben – nämlich die Verfügbarkeit von Kühlwasser im Sommer. So ein thermisches Kraftwerk wandelt also einen Brennstoff, radioaktives Material, in Wärme um, und aus Temperaturunterschieden in der Wärme kann dann Arbeit geleistet werden. In der Physik ganz klassisch beschrieben als Wärmekraftmaschine, die dann den Strom erzeugt. Dabei fällt jede Menge Abwärme an. Ohne sie geht es nicht, sie ist eine Notwendigkeit, die aus dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik folgt (das ist der mit der Entropie). Und diese Abwärme muss in die Umwelt geschafft werden, in der Regel über Wasser. Bei Braunkohle wird dafür das Wasser genommen, was man im Tagebau eh abpumpen muss – es wird dann über Kühltürme verdampft. Bei Kernkraftwerken fällt kein Grundwasser an. Sie stehen folglich an Flüssen, die aber eben Wasser nicht verdampfen, sondern lediglich erhitzen. So ist mit dem Ausstieg aus der Kernenergie in Deutschland die Wassernutzung seit 1990 deutlich gesunken. Und in China, da stehen sie überwiegend am Meer – weil Kernkraftwerke eben so viel Kühlwasser brauchen.

Und wenn Kernkraftwerke dann im Sommer durch Trockenheit ausgebremst werden – das gab es ja bereits mehrfach in Frankreich – dann können sie auch keinen Strom liefern. Also krisensicher sind sie nicht, sie liefern keine “Versorgungssicherheit”. Und wenn sie keinen Strom liefern können, dann wird der Strom, den sie erzeugen, halt auch noch teurer – die Investitionskosten sind ja gigantisch. Und regelbar sind sie auch nicht. Während man Verbrennung leicht stoppen kann, in dem der Gashahn, sozusagen, zugedreht wird, kann man radioaktiven Zerfall nicht so einfach anhalten – er geht unaufhörlich weiter.
Wenn wir dies zusammenfassen, ergibt dies ein klares Bild: Kernenergie setzt sich aus guten Gründen nicht durch, trotz allem Wunschdenken so mancher. Sie ist einfach zu teuer und zu unflexibel. Billiger geht’s mit Sonne und Wind, und die setzen sich eindeutig weltweit durch, und das mit beeindruckender Geschwindigkeit.
